Aquarell von Gisela Parzer


Der Name Kitzbühel wird im allgemeinen mit Sport assoziiert, der häufig vom Wettbewerbsgedanken getragen ist: Hahnenkammrennen, Tennis (Generali open), Harley-Davidson- und Oldtimer-Paraden, Bergsteigen etc. 

Noch fast unbeachtet von der internationalen und heimischen Prominenz entwickelt sich stetig ein zweiter, ein kultureller Schwerpunkt, der mit dem Namen
Kitzbühel verbunden ist: Konzerte, Theateraufführungen, literarische Lesungen und musikalische Sommerakademien machen die Sportstadt
allmählich auch zu einer Kulturstadt.

Schon sehr früh, vor allem in den vergangenen Jahrzehnten, hat sich Tirol zu einer der bedeutendsten Orgellandschaften Österreichs entwickelt. Allein im ferneren und näheren Umfeld von Kitzbühel prägen sowohl mustergültig restaurierte historische Orgeln als auch hervorragende Orgelneubauten das Bild dieser Orgellandschaft.

Franz Schmidts Gesamtwerk für die Orgel, in welchem er sich den Weg zum Gipfel seiner Eigenständigkeit gebahnt hatte, sichert ihm, neben Max
Reger, den Rang des bedeutendsten Orgelkomponisten des deutschsprachigen Raumes der Zeit nach J. S. Bach und Felix Mendelssohn-Bartholdy.

Während der letzten Jahrzehnte ist das Interesse für das Orgelschaffen Franz Schmidts in gesteigertem Maße geweckt worden durch die Präsenz seiner Orgelwerke in Konzerten, durch zahlreiche Einspielungen auf Tonträgern sowie durch Lehre und Forschung.

Das Konzept des Wettbewerbsprogrammes besteht aus verschiedenen Komponenten. Zunächst spiegelt es die stilistische Vielfalt der Orgelmusik wider: Barock, Klassik und Romantik bis hin zur Neoklassik und Moderne sind durch eine Reihe von Komponisten vertreten.

Im Wiener kompositorischen Umfeld von Franz Schmidt lässt sich eine klare Linie stilistischer Entwicklung verfolgen, deren Zentrum Franz Schmidt ist: sein Lehrer war Robert Fuchs, ein zu Unrecht nahezu vergessener, von Brahms hoch geschätzter Exponent österreichischer Romantik des 19. Jahrhunderts. Einer der Schüler von Franz Schmidt, unverkennbar musikalisch wesensverwandt seinem Lehrer, war Walter Bricht, dessen „Variationen über ein Thema von Franz Schmidt“ in der Liste der frei zu wählenden Orgelwerke für das zweite Auswahlspiel zu finden sind.

Neben der inneren Nähe zu Franz Schmidt gibt es weitere Gemeinsamkeiten zwischen den österreichischen Komponisten im Repertoire des Wettbewerbes: Johannes Brahms, Robert Fuchs und Joseph Marx waren in Wien Orgel- und Kompositionslehrer am Konservatorium der Gesellschaft der Musikfreunde beziehungsweise an der Nachfolgeinstitution, der Staatsakademie für Musik und darstellende Kunst. Franz Schmidts Choralvorspiele sind, wiewohl im romantischen Idiom komponiert, in ihrer Linearität mit den Werken Johann Nepomuk Davids näher verwandt als man auf den ersten Blick annehmen würde.

Dass bei einem internationalen Orgelwettbewerb, der in Kitzbühel stattfindet, auch ein Tiroler Komponist, Kurt Estermann, mit einem Orgelwerk vertreten ist, kann als eine selbstverständliche Bereicherung des Programms bezeichnet werden.

Helga Scholz-Michelitsch

ERÖFFNUNG 2014

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PREISTRÄGER
v.l.n.r.: Melissa Dermastia, Yeonju Sarah Kim und Krysztof Weronowski-Ptaszynski

Kein 1. Preis

2. Preis: Melissa Dermastia (Musikuniversität Wien)

2. Preis: Yeonju Sarah Kim (Master im Fach Orgel,  Musikuniversität Salzburg, derzeit Hochschule für Musik und Theater München)

3. Preis: Krysztof Weronowski-Ptaszynski (Musikuniversität Wien)

Sonderpreis für die beste Robert Fuchs Interpretation: Melissa Dermastia, Österreich

Wettbewerbsteilnehmer kamen aus Österreich, Polen, Russland, Deutschland, Südkorea, Ungarn, USA

PREISVERLEIHUNG 2014
Jury, organisation and price winners

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Franz Schmidt Medaille
(Photo: Clemens Kneringer)


WETTBEWERBSPROGRAMM 

1. Auswahlspiel (Pfarrkirche Kitzbühel)

a. J. S. Bach, Praeludium und Fuge G-Dur BWV 550(nicht 541!)
b. J. S. Bach, Choralbearbeitung „Christus, der uns selig macht“ BWV 747
c. Franz Schmidt, Präludium und Fuge Es-Dur (aus „Vier kleine Präludien und Fugen“) 

2. Auswahlspiel (Pfarrkirche Hopfgarten)

a. Robert Fuchs, Variationen und Fuge über ein Originalthema
 (Universal Edition UE 19553, „Wiener Hoforganisten“)
b. Johann Nepomuk David, Mit Fried und Freud fahr ich dahin
 (Choralwerk III, Nr. 19) 

c. Folgende Werke eines der angeführten Komponisten nach freier Wahl
– Marco Enrico Bossi, Pastorale op. 118/3 und Toccata di concerto – Vivace op. 118/5 
– Johannes Brahms, Präludium und Fuge g-Moll und
Choralvorspiel „O Gott du frommer Gott“ aus op. 111
– Walter Bricht, Variationen über ein Thema von Franz Schmidt, op. 22  
– Petr Eben, Hommage à Dietrich Buxtehude (1987)
– César Franck, Prière, op. 20 oder Fantaisie A-Dur
– Paul Hindemith, Sonate II 
– Joseph Marx, Toccata C-Dur
– Felix Mendelssohn-Bartholdy, Sonate f-Moll, op. 65/1
– Felix Mendelssohn-Bartholdy, Sonate B-Dur, op. 65/4
– Max Reger, Introduktion und Passacaglia d-Moll, o.O. 
– Louis Vierne, Clair de lune, op. 53/5 und Finale aus der 1. Symphonie, op. 14
– Olivier Messiaen, 2. und 3. Satz („Alléluias…“ und „Transports…“) aus
„L‘Ascension“

d. Franz Schmidt, Choralvorspiel „O wie selig seid ihr doch, ihr Frommen“

Finale (Pfarrkirche Kitzbühel)

a. Georg Muffat, Toccata V oder VIII (aus „Apparatus musico-organisticus“)
b. Franz Schmidt, Toccata C-Dur
c. J. S. Bach, Toccata BWV 566 (E-Dur oder C-Dur)
d. Kurt Estermann, A Fansye

JURY DES WETTBEWERBS 

Helmut Binder, Österreich
István Ella, Ungarn
Joachim Grubich, Polen
Bernhard Haas, Deutschland
Peter Planyavsky, Österreich

Vorsitz: Karl-Gerhard Straßl, Österreich


BERICHT 

Kitzbühel als Orgelzentrum? Nun, das mag zwar etwas übertreiben sein, aber von 18. bis 26. September 2014 fand einer der größten Orgelwettbewerbe Österreichs wieder in Kitzbühel und Umgebung statt. Bereits zum 5. Mal wurde der Internationale Franz-Schmidt-Orgelwettbewerb von der Stadtgemeinde Kitzbühel in Zusammenarbeit mit der Franz-Schmidt-Gesellschaft und der Camerata Viennensis veranstaltet.

Dank der Initiative und Überzeugungskraft von Prof. Dr. Rudolf Scholz († 2012) wurde erstmals 2006 ein Orgelwettbewerb in Kitzbühel durchgeführt, der seither im Zwei-Jahres-Abstand das lohnenswerte Orgelschaffen Franz Schmidts im Zentrum hat. Das Besondere an diesem Orgelwettbewerb ist die spezifische Mischung aus bemerkenswerten Wettbewerbsorgeln, prächtigen Kirchen und einer konzentrationsfördernden Atmosphäre in herrlicher Umgebung.
Für die Teilnehmerinnen und Teilnehmer ist dabei zu beachten, dass die Orgeln ohne elektrische Hilfen ausgestattet sind und somit – neben der Umsetzung stückadäquater Klangvorstellungen – die klanglichen Änderungen mithilfe von zur Verfügung stehenden Registranten in das Spiel sinnvoll integriert werden müssen.

Der 5. Internationale Franz-Schmidt-Wettbewerb ist ein kleines, feines Jubiläum, das nicht hoch genug eingeschätzt werden kann. Dank der unermüdlichen Bemühungen des künstlerischen Leiters, Prof. Peter Planyavsky, gemeinsam mit Frau HR Dr. Helga Scholz und dem Kulturreferenten der Stadt Kitzbühel, Hans-Peter Jöchl, wurde wieder ein großartiger Wettbewerb veranstaltet, für den sogar der Bundespräsident den Ehrenschutz übernahm. Das internationale Renommee des Wettbewerbs belegten auch diesmal das fordernde Wettbewerbsprogramm mit zwei Auswahlspielen und Finale, die international zusammengesetzte Jury und die teilweise von weither gereisten Teilnehmerinnen und Teilnehmer aus verschiedensten Ländern.

Die Eröffnung fand am 18. September 2014 mit einer Feierstunde im Festsaal des Kitzbühler Rathauses statt. Den Begrüßungsworten des Bürgermeister Dr, Klaus Winkler und der Vertreterin der zuständigen Bundesministerin, Frau Prof. Mag. Brigitte Weissengruber, folgte die Vorstellung der Jury und der Teilnehmerinnen und Teilnehmer, die diesmal aus 8 verschiedenen Nationen von Hong Kong bis Deutschland angereist waren. Höhepunkt war der Festvortrag von Univ.-Prof. Mag. Roman Summereder zum Thema „Luft von anderem Planeten. Leitlinien zwischen Schönberg, Schmidt und David“, in dem er faszinierende Einblicke in die Verbindungen von Franz Schmidt zu den Komponisten vor und nach ihm präsentierte. Angeregte Fachgespräche, Interviews für KitzTV und gespannte Ausblicke rundeten beim anschließenden Buffet die Eröffnung ab.

Gleich am nächsten Tag fand das erste Auswahlspiel in der Stadtpfarrkirche Kitzbühel statt. Dies war möglich, da sich die Teilnehmerinnen und Teilnehmer bereits in den drei Tagen davor auf der Wettbewerbsorgel einspielen und zudem auf zahlreichen Orgeln in der Umgebung üben konnten. Bereits in dieser ersten Runde zeigte sich das hohe Niveau der hervorragend vorbereiteten Teilnehmerinnen und Teilnehmer. Das 2. Auswahlspiel folgte dann am 22. und 23. September in der Pfarrkirche Hopfgarten. Schließlich wurden 5 Teilnehmerinnen und Teilnehmer für das Finale am 25. September in Kitzbühel zugelassen. Nach einem packenden Finale auf hochklassigem Niveau entschied die Jury, keinen 1. Preis zu vergeben, aber zwei 2. Plätze und einen 3. Platz.

Im mitreißenden Preisträgerkonzert am 26. September in der gut besuchten Stadtpfarrkirche Kitzbühel bewiesen die Preisträger ihr Können und wurden mit folgenden Preisen ausgezeichnet:

2. Preis ex aequo: 
Melissa Dermastia, Österreich
Yeonju Sarah Kim, Korea

3. Preis: 
Krzysztof Weronowski-Ptaszynski, Polen

Sonderpreis für die beste Robert Fuchs Interpretation: Melissa Dermastia, Österreich

Neben Geldprämie und Urkunde erhielten die Preisträger zudem eine Franz-Schmidt-Plakette.

Zusammenfassend ist zu betonen, dass sich an einem besonderen Ort in Österreich ein bemerkenswerter Orgelwettbewerb etabliert hat, der dem Orgelschaffen eines leider oft vernachlässigten Komponisten, Franz Schmidt, gewidmet ist. Es ist zu hoffen, dass diese verdienstvolle Initiative auch weiterhin von Bestand sein wird, damit 2016 der 6. Internationale Franz-Schmidt-Orgelwettbewerb stattfinden kann.

Karl-Gerhard Straßl